Vom Nutzen und Schaden des Eigengeruchs

Geschrieben von PerSe 3 Kommentare
Dies ist ein kleiner Aufsatz aus der Kategorie "Was sie schon immer wissen wollten, aber nie zu fragen wagten."

Kennen Sie das? Wie aus heiterem Himmel fangen Sie an, über eine banal scheinende Sache nachzudenken, die ausgedacht, abgeschlossen, von der Wissenschaft ad acta gelegt scheint. Ja, so ähnlich wie der Klimawandel. Ein Thema, das jeden jeden Tag irgendwie beschäftigt, bei dem sich aber gewöhnlich kaum Neues auftut.

Sie beantworten sich eine Frage und stellen fest, dass sich damit gleich fünf neue Unklarheiten verdunkelnd bemerkbar machen. Unversehens werden sie vom Strudel erfasst und in immer neue, ungeahnte Tiefen gezogen. Sie machen sich Notizen und ohne es eigentlich zu wollen haben Sie ein Essay von beachtlichem Umfang verfasst.

Das passierte mir, als ich mir die Frage stellte: "Warum stinken Menschen eigentlich?". Die Erkenntnisse aus diesem bedeutungsschweren Philosophieren sind Gegenstand dieses Beitrags.

Warum Mensch stinkt

A) Die Schnupperprobe (Vorwort)

Körpergeruch erfüllt eine Reihe bedeutender Funktionen. Er hat eine Daseinsberechtigung.

Geruchsüberdecker haben eine Gegenfunktion, sie sind gegen die körpereigenen Funktionen gerichtet, stören und verfälschen sie, heben sie auf.

"Guter" Geruch, als „gut“ empfundener „Wohl“-Geruch, heißt: Du bist mir angenehm, ich spüre keine Konkurrenz, du willst mir meinen Platz nicht streitig machen, du respektierst mein Eigentum.

"Übler" Geruch, also als „unangenehm“ empfundene Absonderung heißt: Ich will weg von dir. Du bist Konkurrenz! Du willst meinen Platz, mein Fressen, mein Weibchen. Du bist ansteckend.

Die Interpretation eines Geruchs als angenehm oder lästig ist die verinnerlichte Erfahrung von nützlich und schädlich, von Gewinn und Verlust.

Die natürliche Ausdünstung war und ist in keiner Weise störend, wenn wir "unter uns" sind. Dann tritt sogar eine Gewöhnung ein. Geruch der "Höhle" und der "Rudelmitglieder" wird kaum noch wahrgenommen, ist dem Wohlbefinden sogar zuträglich.

Kommen Fremde dazu, riechen wir sie sofort. Und zwar vor allem die "unmaskierten", nicht künstlich überdeckten Aromen. Die ganz schwachen, nicht bewusst wahrnehmbaren Geruchsstoffe, wie die mächtigen Pheromone, etc., werden trotz stärkster Deo-Formeln verarbeitet und beeinflussen die feineren Verhaltensweisen, Sympathie, Antipathie, sexuelles Begehren, Abneigung, und ähnliche.

Mit der dichter werdenden Besiedlung der Zivilisationsräume wurden Raumstreitigkeiten, Revierkämpfe zur Tagesordnung, gewalttätige Konkurrenzen um Ressourcen überlebensentscheidend. Mit der Verdichtung der Räume musste also dafür gesorgt werden, dass die "Verträglichkeit", die soziale Akzeptanz verbessert wurde. Das erreichte Mensch über die Beeinflussung der "olfaktorischen Kommunikation" (über den Geruchs- und Geschmackssinn ausgetauschte, auf Aromen gestützte Nachrichten). Mit jedem Waschen und - revolutionär - mit jedem Parfümieren und Desodorieren verringerten sich soziale Konkurrenzen und Kämpfe; der Kampf gegen den Eigengeruch wirkte wie eine Tarnkappe. Nur auf diese Weise war es möglich, dermaßen dichte Menschenansammlungen wie in der Tokioter U-Bahn (Beispiel) überhaupt zu ermöglichen.

Mit der Zeit wurde dieses Verhalten, das für die nötige Ruhe und Sicherheit im Alltag sorgte, mit weiteren Werten verknüpft. Körpergeruch signalisierte jetzt Außenseitertum. Körperhygiene stand für Gesundheit und Leistungsfähigkeit. Tatsächlich ist modernes Übermaß an Körperpflege sogar schädlich. Die Haut trocknet aus, wird rissig, verliert die Abwehrkompetenz und wird krank. Die Bedrohung durch die Folgen sozialer Verdichtung wird nachweisbar über Selbstbeschädigung und Umweltschweinerei abgeleitet.

Stecken wir doch die Nase etwas weiter ins Thema.

B) Einleitung

0) Dies ist keine wissenschaftliche Abhandlung. Der folgende Text ist ein wildes und unvollständiges Gemisch aus harten und weichen Fakten, aus Annahmen, aus plausiblen Ableitungen aus verschiedenen Wissenschaften, die jeweils eine ganz andere Position zum Thema einnehmen könnten. Viele Behauptungen und angeführte Erkenntnisse sind „olle Kamellen“. Also: Diesen Text bitte nicht als Literaturquelle für ernsthafte theoretische Abhandlungen angeben.

Originell – im ursprünglichen Sinn von ungewöhnlich, so noch nicht betrachtet – wird der Aufsatz erst im Hauptteil, wo es um die Frage geht: Warum wollen wir eigentlich nicht stinken? Was treibt uns dazu, unseren eigentlichen, wirklichen, ehrlichen Geruch zu kaschieren, nicht unserem sozialen Umfeld preiszugeben? Ein Sachverhalt, der z. B. für den Chefpavian die Qualität eines körperlichen Gebrechens hätte.

1) Was ist Geruch?

Geruch ist die Empfindung oder Reaktion, die als Geruchsquelle geeignete chemische Stoffe bei der Anbindung an bestimmte Wahrnehmungsorgane an belebten Wesen, die über eine entsprechende Ausstattung verfügen, auslösen. Die „Empfindung“ kann dabei mehr oder weniger komplex sein. Geruch als Sinneswahrnehmung ist nicht auf tierisches Leben beschränkt. Auch Pflanzen verfügen über Rezeptoren (zur Ankopplung von Geruchsstoffen befähigte Organe) und ein weiter leitendes sowie weiter verarbeitendes System.

2) Was macht Geruch?

Geruch ist ein Kommunikationsmittel, eine Eingang/Ausgang (I/O)-Schnittstelle zur belebten und unbelebten Mitwelt. Die Gesamtheit sämtlicher Gerüche lässt sich als eine eigene Dimension begreifen, die, mehr oder weniger bewusst, eine Welt um uns herum Gegenstand werden lässt, begreifbar und zugänglich macht. Die „Geruchswelt“ ist dabei mindestens genauso differenziert und informationstragend, wie die Welten, die wir über die Augen und die weiteren Sinnesorgane wahrnehmen. Geruch ist in unserer Wahrnehmung zugleich Geschmack. Über die sensiblen Regionen der Zunge nehmen wir nur sehr wenige Qualitäten wahr (süß, sauer, salzig, bitter, hamami). Die Aromen eines Nahrungsmittels, also die Vielfalt aller Geruchsqualitäten und deren Abstufungen, vermittelt uns der in der Nase, im „Olfaktorischen Organ“, verortete Geruchssinn. Vergleichbar zu anderen Sinnen befinden sich im Nasendach und auf der Zunge nur die Spürorgane, Andockflächen der geruchs-, geschmacksvermittelnden Stoffe. Die eigentliche Qualifizierung und Quantifizierung, sowie die Assoziationen zu anderen Sinnen und intellektueller Leistung findet im Gehirn statt, wo der Geruchssinn ein vergleichsweise leistungsfähiges und mächtiges Zentrum besitzt. Olfaktorische Erinnerungen sind, beispielsweise, deutlich stabiler als z.B. Hör- und Seh-Erinnerungen.

Als Menschen besitzen wir im Vergleich zu anderen Spezies eine ganz ordentliche Fähigkeit, Geruch und Geschmack wahrzunehmen. Allerdings gibt es Arten, die unser Geruchsspektrum UND unsere Geruchsleistung sehr weit übertreffen. Hunden wird nachgesagt, dass ihre Geruchsleistung die menschliche um das 1000-fache übersteigt. Das betrifft sowohl das Geruchsspektrum, also die schiere Anzahl verschiedener wahrnehmbarer Gerüche, als auch die Geruchssensibilität, also die Fähigkeit, feine und schwache Aromen in störender Umgebung zu erhaschen.

Die Leistungen des Geruchssinns werden erst wirklich geschätzt, wenn er verloren geht. Das ist, vollständig oder teilweise, eine sehr verbreitete Erscheinung, die häufig mit der Alterung aber auch durch verschiedenste Einflüsse schon früh eintreten kann (Verletzungen, chemische Einflüsse, Infektionen, etc.). Der vollständige Verlust des Geruchssinns wird Anosmie genannt. Dies kann bei Erhaltung des Geschmackssinns, also unter Verbleib der Zungen-Geschmacksqualitäten auftreten. In diesem Fall werden noch süß, sauer, salzig, bitter, fleischig als Basisqualitäten geschmeckt, die Wahrnehmung von Aromen fällt ganz oder oder mit sehr geringen Restfähigkeiten aus. Im Vergleich zum Musik-Gehör entspräche das der Bass-Empfindung im Bauch ohne Wahrnehmung sämtlicher weiterer Instrumente. Also Beethovens 9te in einer Version nur mit großer Pauke. Erdbeeren schmecken wie aufgeweichte Wellpappe, Orangen riechen und schmecken nach nichts, im besten Fall bleibt ein Süßeeindruck und ein wenig Säure.

3) Was macht Geruch im Belebten? (Wirkungen, Funktionen)

Der Geruchssinn wird unterschätzt. Das muss die erste Erkenntnis einer Bewertung der Wichtigkeit dieses Systems sein. Wir erhalten Informationen, die für das Überleben entscheidend sind. Ist das Essen verdorben? Strömt Gas aus? Ist Rauch in der Luft? Kündigt sich Schneefall an? Überhitzt mein Motor? Ist die Windel voll? Hat mein Chauffeur getrunken? Ist das Gin oder Glyphosat?

Dazu kommen Komfortfunktionen, die das Leben sehr lebenswert erscheinen lassen können. Bin ich Zuhause oder in einer fremden Umgebung, vielleicht am Arbeitsplatz? Ist hier alles in Ordnung, oder lauern Probleme? Der Geschmack eines guten Essens, der Kaffee, der Feierabend-Rotwein, die Rosenblüte, das Eis, das Parfum, das neue Auto, etc..

Dazu kommen feinere, nicht zwingend bewusst wahrgenommene oder auf den Geruch zurückgeführte Qualitäten. Die räumliche Orientierung (Stadt, Land, Fluss, Meer, Gebirge), Wertigkeit des Umfelds (Szenetreff oder Kaschemme, Shoppingmeile oder Problemviertel), soziale Signale (Sympathie/Antipathie, kann ich dich riechen, also deinen Deo-Schweiß-Mix, oder will ich das eher nicht?).

Auf manches Angebot meint man da getrost verzichten zu können. Aber wahrscheinlich sind für das Überleben die unangenehmen, abweisenden Gerüche (wieso sind die denn überhaupt „unangenehm“? Mein Hund denkt anders drüber!) die wichtigeren.

Tja und dann sind da noch die vielen Botschaften und Qualitäten, die wir garnicht beschreiben können, die ohne aufmerken zu lassen ihre Wirkung entfalten. „Die Chemie stimmt“ trifft den mit dem Ausspruch beschriebenen Sachverhalt wahrscheinlich genauer als landläufig angenommen. Pheromone, Duftstoffe, die Haltungen und Empfindungen auslösen können, über das Entstehen und Anhalten sozialer Kontakte, über sexuelle Anziehung oder Abstoßung entscheiden, Angst oder Selbstbewusstsein, Friedfertigkeit oder Aggression beim Gegenüber enttarnen.

Und um die Universalität des Prinzips Geruch noch zu verdeutlichen: Ja auch Pflanzen können „riechen“. Das meint, sie können Informationen über Umweltbedingungen und ganz aktuelle Ereignisse untereinander austauschen, kommunizieren. Ist am Nebenbaum ein Fressfeind aktiv? Kann ich den Nachbarstrauch nicht leiden, also nützt oder schadet der mir? Wo ist meine bevorzugte Wirtspflanze, auf der ich schmarotzen kann?

Wir können zusammenfassen, dass der Geruchssinn ein äußerst aussagefähiges und variables Instrument zur Wahrnehmung und Einordnung der menschlichen Umwelt ist. Die Leistungen gehen deutlich über das Maß hinaus, dessen wir uns im Alltag bewusst werden. Soziales Gefüge, Emotionale Dynamiken, Daheimsein oder ein Leben unter Fremden fristen … all das ist zu einem Großteil Ausdruck der Tätigkeit und Funktion unseres Olfaktorischen Systems. Deutlich näher an den Emotionen als das Auge.

C) Hauptteil

1) Wahrnehmung von Körpergeruch in modernen Gesellschaften

Keine Bange, wenn sie beim Lesen der Überschrift ein Naserümpfen angefallen hat, sie an viele geruchsintensive Erlebnisse gedacht, vielleicht die Nase in ihre Achselhöhle gesteckt haben, oder jetzt ganz unauffällig ihre Lufthülle checken … Das ist normal. Geruch spielt in unserer Gesellschaft eine wichtige Rolle. Noch weit jenseits dessen, was einleitend schon ausgeführt wurde und weit über das hinaus, was wir bewusst wahrnehmen.

Zuvorderst: Körpergeruch ist normal. Wir scheiden über die Haut Schweiß und Talg aus, darüber hinaus noch viele andere Stoffe. Schweiß erfüllt vielfältige Oberflächenfunktionen. Das im Schweißfilm entstehende saure Hautmilieu (pH-Wert um 5) schützt vor Besiedelung durch krankmachende Keime, Verdunstung kühlt uns ab, Salz und weitere zuviel aufgenommene Stoffe werden gelöst in der Flüssigkeit abgegeben. Daneben werden auf dem Weg über die Haut auch potentiell giftige Stoffe ausgeschieden. Diese werden in den Schweißdrüsen aus dem Blutkreislauf in den Schweiß gespült.

Insgesamt werden schon unter Ruhebedingungen etwa 100-200 Milliliter Flüssigkeit auf diesem Weg nach außen befördert und versickern dann in der Körper- und Bettwäsche, oder verdunsten frei. An Hitzetagen kann die Produktion sehr deutlich über der Ruhemenge liegen; ein Mehr an Verdunstung erhöht die Wärmeabgabe, was es auch bei erheblichen Temperaturschwankungen ermöglicht, die Temperatur im Körperkern stabil zu halten (Temperaturregulation). Hunde regulieren die Körperwärme über das Hecheln, da ihnen die Hautschweißdrüsen fehlen. Geschmacksache, was man für den ästhetischeren Weg halten möchte. Bei fiebrigen Erkrankungen versucht unser Körper durch komplexe Mechanismen unter Nutzung der Biologie und der Physik zu hohe Temperatur zu senken. Bei starker körperlicher Anstrengung wird der von der Verbrennung in den Muskeln erzeugte Energieüberschuss in gleicher Weise ausgeleitet. Dann kann die Tagesproduktion durchaus 2 Liter erreichen.

Der abgesonderte Schweiß – mit allen Beigaben – sammelt sich also in Körperbehaarung, Körperfalten und in der Wäsche. Unser „Mikrobiom“, die Heerscharen von Bakterien, die uns besiedeln und wichtige Schutzfunktionen erfüllen, badet in diesem Sumpf und vermehrt sich darin. Bei den Stoffwechselprozessen von Bakterien, Pilzen und anderen kleinsten Untermietern werden Stoffe frei, die eine individuelle Duftwolke bilden. Aber bitte nicht ekeln! Diese mikroskopisch wuselnde Oberfläche wirkt wie eine Rüstung gegen eine feindselige Mikroumwelt und bildet damit die erste Abwehrreihe in einem komplexen Immunsystem.

Körpergeruch ist obligatorisch. Jeder Mensch, jedes Tier, jede Pflanze sondert einen artspezifischen Duft mit individuellen Untertönen ab. Entgegen unserem Programm, Selbstverständliches in unserer Umwelt zu akzeptieren oder zu ignorieren, wird die natürliche Ausdünstung erstaunlicherweise als „Übel“ empfunden und ist eine der meistbekämpften individuellen Marker der Mitglieder einer modernen Gesellschaft, wenigstens derer, die auch wirklich dazugehören wollen.

Wahrnehmbarer Körpergeruch steht in der Öffentlichkeit für mangelnde Hygiene, Unsauberkeit, fehlende Selbstdisziplin, Sich-gehen-lassen und ist verschränkt mit Unzuverlässigkeit, Leichtfertigkeit, mangelnde Zahlungsfähigkeit, fehlende Einordnungsbereitschaft, gesellschaftliche Inferiorität (Minderwertigkeit), Aufgegebenhaben.

Eigengeruch muss doch nicht sein! Die Drogerieregale sind doch voll mit Seifen, Seifenlotionen, Sprays zur Unterdrückung der Schweißproduktion, Cremes, Pflegelotionen, Deodorantien, Parfums, etc.. Auch bei Unverträglichkeiten, Hautreizungen, Allergien gibt es keine Ausrede, da sind Alternativprodukte in Massen vom Centbereich bis in die hunderte Euro erhältlich, sogar auf Rezept. Ja, der Duft ist kategorisierbar. Da gibt es das „billige Deo“, billig ist dann auch der Träger, aber auch das Nobel-, das Markenparfüm, das man sich leisten können muss, ein Merkmal der Besitzenden.

Mit auffälligen Ausdünstungen oder übermäßiger Schweißproduktion, vor allem, wenn sie von den Mitmenschen bemerkt werden, geht man zum Arzt. Man ist krank, oder hat zumindest ein Krankheitsgefühl.

2) Signale des Individualgeruchs in einer archaischen Gesellschaft

Seit der Entwicklung „höheren Lebens“, vor vielleicht 700 Millionen Jahren, bis in die Mitte des 20. Jahrhunderts, wird Eigengeruch produziert, in die Umwelt abgegeben und von der belebten Umgebung aufgenommen und interpretiert. Ausdünstungen gehör(t)en zu den Sendern unseres Kommunikationsmittel-Vorrats, wie Sprache, Gestik, Mimik, etc.. Diesen Einsatzzweck haben die Menschen nicht erfunden. Sie sind eher die „Amateure“ in Bezug auf Feinheit und Spektrum der Wahrnehmung. Anderen Gattungen werden Wunderdinge in Hinsicht auf ihre olfaktorische Leistungsfähigkeit nachgesagt. Das Anwendungsspektrum bei Menschen ist da eher bescheiden. Während Körpergeruch lange gesellschaftliche Funktionen erfüllte, verkam er vielleicht ab dem 18. Jh. zu einem bloßen wissenschaftlich genutzten „Krankheitsanzeiger“. Blutzuckerkrankheit, Leber- und Nierenerkrankungen, Hautinfektionen und eine ansehnliche Zahl anderer Störungen im Bereich Stoffwechsel und Infektionen konnten aus der besonderen Art der abgesonderten Gerüche festgestellt werden. Mit der Zuweisung „medizinisch brauchbar“ trat die zivile, der Kommunikation dienliche Anwendung in den Hintergrund, die „Lesekompetenz“ verkümmerte.

Diese Entwicklung muss man als „Degeneration“ einstufen. Vor dem zunehmenden Verzicht auf die Nutzung von Geruch zur Orientierung und als sozialpsychologisches Einordnungsmuster hatte er vielfältige Funktionen, die den sozialen Verkehr, Partnerschaften, Revierbesetzungen, Streitfälle regelten und Auseinandersetzungen, die häufig genug trotzdem passierten, auf gewaltfreier, oft unbewusster Ebene lösten.

Das begann und beginnt mit der Abgabe nicht wahrnehmbarer aber ungeheuer wirksamer Moleküle, den Pheromonen, die Dinge wie Sympathie, sexuelle Anziehung, Paarungsbereitschaft signalisieren, oder, bei Unverträglichkeit, eben das Gegenteil.

Körperausdünstung ist artspezifisch, altersabhängig und von individuellen Faktoren beeinflusst. Könnte man diese Signalpalette ausreichend fein und weitreichend aufnehmen und interpretieren, wäre es nicht übertrieben zu behaupten, dass jeder Mensch – Veränderungen durch Alterseinflüsse sind allerdings wahrscheinlich – einen ganz persönlichen Geruchsabdruck besitzt, den er an sich trägt, aber auch an die Umgebung abgibt. Wobei Zonen, Gegenstände und Personen, in deren Umgebung er sich vermehrt aufhält, diesen Geruch annehmen. Kinder riechen nach den Eltern, Wohnungen, Kleidung, Gebrauchsgegenstände riechen nach den Besitzern. Mit entsprechend rückgewonnener Sensibilität könnten wir eine überwältigende Welt der Bindungen und Verknüpfungen erkennen. In diesem Sinn unterscheiden wir uns nicht wesentlich von Hund und Katz, die Reviere, Sexualpartner, Feind und Freund markieren und erschnuppern. Dass wir nicht an jeder Ecke, an jeder Haustür, an jedem Gesprächs- oder Geschäftspartner schnüffeln, liegt nur teilweise daran, dass wir den Sinn für die Vorteile der Geruchswahrnehmung verloren hätten oder als unfein begriffen. Tatsächlich ist es nach wie vor eine Vielzahl durchaus zu erschnuppernder Eigenschaften, die wir in geringsten Konzentrationen unterbewusst verarbeiten und die unser Verhalten gegenüber der Umwelt beeinflussen.

Hinzu kommt, dass auf dem persönlichen, nur langsam veränderlichen Gemisch eine Vielzahl von situativen Nuancen schwimmen, die Stimmungsschwankungen, Haltungen, Meinungen mehr oder weniger detailliert ausdrücken können. Aber auch das Knoblauchbrot, der Vollrausch, der Geschlechtsverkehr wird Teil meiner persönlichen Wolke. Hier bekommt „Leben in der Cloud“ eine ganz neue aber durchaus treffende Bedeutung. Allerdings sind die Daten in dieser Cloud nur ganz schlecht verschlüsselt und jedermann, der nah genug herankommt, leicht zugänglich. Man sollte unbedingt damit rechnen, dass ein Nachfolger in der Supermarktschlange einige der peinlichsten Geheimnisse und der Person selbst völlig unbekannte Fakten über sie und ihr Privatleben kennt oder ahnt, je nachdem, wie versiert der Schnüffler die Speicher auszulesen vermag.

Als man den Eigenduft noch völlig ungeniert trug wie ein Kleidungsstück, sprachen die verschiedenen Qualitäten eine durchaus offene, variantenreiche und wirksame Sprache, die den verbalen Kommunikationsaufwand erheblich reduzierte. In unseren vorverbalen Zeiten, als wir noch nicht auf unseren vergleichsweise erbärmlichen, allerdings besser zensierbaren Wortschatz eingeengt waren, war die Nase dem Ohr mindestens ebenbürtig.

Mit einem tiefen Atemzug konnte man z.B. erfahren:

  1. welchen Geschlechts ist der Mensch, der in dieser Höhle haust?
  2. ist er geschlechtsreif (bei Weibchen: ist er empfängnisbereit?)
  3. könnten wir uns vertragen oder droht Streit?
  4. wie alt ist er?
  5. ist er gesund?
  6. haust er alleine, oder sind andere Gruppenmitglieder dabei?
  7. welche Nahrungsmittel bevorzugt er? (Fleischfresser?)
  8. lebt er schon lange an diesem Ort? Hat er das Revier schon fest übernommen?
  9. ist der Mensch anwesend oder unterwegs?
  10. wie ausgeprägt aggressiv ist der Artgenosse?
  11. welche Stellung hat er in seinem Rudel?
  12. wieviel Raum beansprucht er für sein Revier?
  13. was gab’s zum Frühstück ?

All das und noch mehr erfuhr man über jedes Individuum eines Rudels. Auch dann, wenn die Höhlenfamilie garnicht anwesend war. Kam ein Bewohner dazu, konnte (und musste) einiges am Gesamtbild aktualisiert werden, besonders soweit es das Aggressionslevel betraf. Aber auch der aktuelle Geruchsstatus war sehr viel schneller ausgetauscht, als diplomatische Noten. Wobei anzumerken wäre, dass die „Sendungen“ nur zum geringeren Teil bewusst verarbeitet wurden. Sie erzeugten eher ein „Gefühl“, einen Strauß von Emotionen, die verhaltensbestimmend waren.

Nun ist es nicht so, dass wir die Fähigkeiten zum Erspüren der Cloud vollständig eingebüßt hätten. Allerdings hat sich die Bandbreite verändert, die Sicherheit in der Anwendung der Fähigkeiten hat nachgelassen, wir setzen nicht mehr so viel Vertrauen auf diesen Kommunikationskanal. Und das hat einen guten Grund.

3) Signale des Individualgeruchs in einer dicht bevölkerten Welt

Gehen wir davon aus, dass unsere Artgenossen ihre Duftwolke, besagte Cloud, genauso ungeniert bei sich tragen, wie für die Altvorderen oben beschrieben. Versetzen wir jedoch dieses Verhalten in die moderne Welt. Was hat sich denn hier am grundlegendsten verändert?

Zunächst die Bevölkerungsdichte. Man stelle sich vor, in einem überfüllten Bus stinkt jeder die letzten vier Ausdünstungswochen unverdünnt vor sich hin. Die Belästigung wäre in einer Gesellschaft, die das Leben im Körpergeruch nicht verlernt hat, nicht das Problem. Schwierigkeiten würde die Informationsdichte machen. Zwanzig Gemische wirken gleichzeitig auf die Rezeptoren in der Nase ein, vielleicht manche so intensiv, dass sie auch zu schmecken sind. Das geht noch. Eine gewisse Trennschärfe können wir unserem unbewussten Riechen durchaus zutrauen. Aber welche Melange gehört zu welchem Gesicht? Wer ist Schläger, wer ist paarungsbereit? Was versteckt der Kerl, der niemanden weiter als einen Meter an sich heranrücken lassen will? Wer hat hier Diabetes? Wer ist inkontinent? Wer kann die Segnungen einer ausgiebigen Knoblauchmahlzeit schätzen? Stinkt der schlanke Herr neben mir nach Veganer? Oder ist er der, der Angst vor einer Prüfung, einem Bewerbungsgespräch hat?

Verwirrung pur. Man müsste vom Hund lernen und einfach näher rangehen. Das wäre aber sehr unzivilisiert, riskant und vor allem offensichtlich. Wir schnuppern lieber unauffällig nebenbei. Die Entwicklung menschlicher Gesellschaften hat darüber hinaus Geheimnisse erfunden. Sachverhalte, die man nicht sofort jedem x-beliebigen auf die Nase binden möchte. Man bevorzugt den Abstand, die „soziale Distanz“.

Wenn wir ausmüffeln wollen, haben wir noch einen privaten Bereich, in dem noch ein Rest Geruchsfreiheit (Im Sinn von „riech doch wie du willst“) herrscht, wenngleich diese ebenfalls zunehmend eingeschränkt wird. Das ist die eigene Wohnung. Das Gebiet, auf dem wir selbst Geruchsneutralität empfinden, während ein Gast, wie weiland Höhlenbesucher, einmal ansaugt und gleich eine raumfüllende Vision über die Bewohner, ihre Gewohnheiten und ihren Gesundheitsstatus vor dem geistigen Auge hätte. Hier fühlt sich ein Besucher wohl, oder eben auch nicht. An diesem Gemisch wird er den Bewohner über kurz oder lang lesen und erkennen können.

4) Strategien zur Vermeidung der Auswirkungen der Geruchssignale

Geruchsfreiheit? Richtig. Die Lizenz zum Stinken. Die hat Mensch vielleicht erst vor 250 Jahren verloren. Die „Bessere Gesellschaft“ womöglich schon etwas früher.

Im ausgehenden Mittelalter hat sich sehr langsam die Erkenntnis durchgesetzt, dass Sauberkeit und Hygiene die Gesundheit fördern. Das fing mit der Ableitung von Abwässern und der Abholung von Abfällen an. Da irgendwann die Straßen nicht mehr stanken, wollte man sich auch von persönlichen Gerüchen, die nun deutlicher hervortraten, frei machen. Das dichte Zusammenleben sollte von Fallstricken und unbeabsichtigtem Geheimnisverrat bereinigt werden. Was den eng an eng siedelnden Nachbarn offenbart werden konnte, das sollten sie den kontrollierten verbalen Selbstoffenbarungen und dem sichtbaren Wohlstand entnehmen (Hören und Sehen). Zum Schutz gegen Spürnasen wurde die Individualhygiene erfunden. Eigentlich eine Art Maulkorb. Bei Wort- und Sachprotzerei konnte man jetzt besser schummeln und etwas mehr scheinen als man war. Oder eben auch Dinge verstecken, die man nicht offenbaren wollte.

Einem Verhandlungspartner musste ja nicht gleich die Angst in die Nase ziehen, die aus den eigenen Poren schwitzte. Eine Krankheit war dringend zu verbergen, wenn Gesundheit, Kraft und Macht zur glaubwürdigen aussichtsreichen Bewerbung gehörte. Besitz sollte verteidigt werden, auch wenn der Eigentümer gerade nicht selbstbewusst nach Eber stinken konnte.

Der Eigengeruch fiel letztlich der Protzerei und dem Mimikry zum Opfer. Aber nicht sofort und nicht ganz. Zu Zeiten, als das Waschwasser noch Zimmertemperatur hatte, waren die gereinigten Körperareale noch eng begrenzt.

(Hier wäre für die alten Kulturvölker mit ausgeprägter Badekultur auch breiterer Bevölkerungsschichten ein Exkurs angebracht, aber die Römische Gesellschaft versank wieder im Barbarentum und so soll sie mangels anhaltend dauerhafter Triebkraft ausgespart werden.

Ein weiterer lohnender Ausflug könnte sich mit den Badehäusern befassen, die im Mittelalter Zentren der Hygiene und der Kommunikation waren. Man verstand es bezeichnenderweise, die Reduzierung des Körpergeruchs durch verstärkten verbalen Austausch zu kompensieren).

Zusätzliche Duftspender, wie Seifen und Parfüms, halfen beim Versteckspiel. Je mehr man sich leisten konnte, desto mehr konnte man hinter dem aufgebauten Duftschild verschwinden. Erst sehr spät, in der ersten Hälfte des 20. Jh setzte sich in Mitteleuropa so etwas wie die Hygiene der breiten Masse durch. Mit Badeöfen konnte nach aufwändigem Anheizen warmes Wasser erzeugt werden, durch das man alle 14 Tage samstags die komplette Familie in hierarchischer Ordnung zog. Seifen gehörten zum Badestandard und da man noch nicht so schnell nachmüffelte wie dieser Tage, wurde man bei dieser Praxis durchaus gesellschaftsfähig, zumal es zu Kaisers Zeiten nicht zu leisten war, täglich die Leibwäsche zu wechseln.

Ab Mitte des 20. Jahrhunderts wurden nun Technologien entwickelt, die es ohne großen Kraftaufwand ermöglichten, in eigenen (manchmal auch von Hausgemeinschaften geteilten) Badezimmern Warmwasser zu erzeugen. Nun konnte das Badewasser nach jedem dritten Benutzer gewechselt werden und die Badefrequenz verdoppelte sich. Samstag wurde Badetag. Die verwendeten Chemikalien wurden wirksamer, die Düfte angenehmer und vielfältiger. Körperpflegeprodukte konnte man sich jetzt leisten, auch wenn nach wie vor Preis und Qualität gravierende Unterschiede aufwiesen.

Mit zunehmender Kostenreduzierung und Vereinfachung der Zugänglichkeit zu Heißwasser sowie Einführung der Dusche setzte eine Dynamik ein, die unsere Vorfahren gewiss zutiefst erschreckt hätte. Nun wird es als Mindeststandard betrachtet, dass jeden Tag mindestens einmal ausgiebig heiß geduscht wird. Leibwäsche und Oberbekleidung wird – dank Waschmaschine – täglich gewechselt. Es wird rasiert (nicht nur im Gesicht), haaregewaschen, nägelgeschnitten, zähnegeputzt bis auf’s Blut.

Buchstäblich bis auf’s Blut. Folge des von der Evolution nicht vorhergesehenen Waschzwangs ist eine Beanspruchung der Haut, auf die sie nicht vorbereitet ist und der sie, bei erstaunlicher Widerstandskraft, letztlich nicht gewachsen war. Es zeigten sich vermehrt Folgen dieser Überbeanspruchung. Entfettung, Zerstörung des Säureschutzmantels und des bakteriellen Schilds mit Hauttrockenheit begleitet von Rissigkeit, Allergien, Infektionsanfälligkeit, etc..

Um diesen Folgen vorzubeugen, oder sie zu lindern und zu heilen, wurde wiederum ein breites Spektrum an mehr oder weniger wirksamen (nicht selten schädlichen) Substanzen entwickelt und verkauft. Wieviel Leid über Testtiere gebracht wurde, denen die Mittel für Verträglichkeitsproben in die Augen geschmiert wurden, muss hier nicht extra erwähnt werden.

5) Folgen der Maskierung von Eigengerüchen – Reaktionen des „Geruchsempfängers“

Wozu? Das ist die Frage. Wozu haben die Menschen – und hier handelt es sich um ein Weltphänomen, nicht etwa um eine regionale Grille – wozu haben die Menschen die Folgen für Umwelt, Labortiere und, nicht zuletzt, für die eigene Gesundheit inkauf genommen? Warum haben sie diese zutiefst mit dem Leben und mit der Kultur verbundenen Funktionen unterdrückt, abgeschaltet? Pro/Contra-Liste:

a) Positiver Signalvorrat der Geruchsoffenbarung – Partner locken, Bindung, Feinde auf Abstand halten

  1. Kommunikation zwischen Individuen und Individuum und Gruppe
  2. Leistungsfähigkeit, Leistungsbereitschaft, Dominanz
  3. Partnersuche
  4. Reviermarkierung
  5. Gesundheitsbeweis
  6. Sexuelle Kompatibilität
  7. Paarungsbereitschaft
  8. Angriffsfähigkeit (Abwehrbereitschaft, Schutzkompetenz)
b) Negativer Signalvorrat der Geruchsoffenbarung – Partner abstoßen, Verrat, Fressfeinde locken
  1. Angst, Unterordnungsbereitschaft (hierarchieschädlich)
  2. Krankheit
  3. Alter
  4. Aggression (Eindringling, Gefährder)
  5. Sexuelle Inkompatibilität
  6. Fehlende Paarungsbereitschaft

c) Vermutungen über die Gründe der Maskierung von Eigengerüchen

Es geht NICHT um GUT oder SCHLECHT riechen! Es gibt keine schlechten Gerüche. Wir haben gesehen, dass jeder Duft eine Funktion erfüllt, ein Hinweis ist. Aber wir haben auch gesehen: Gerüche in gesellschaftlicher Enge sind irreführend, manchmal verstörend.

Konkurrenzgesellschaften erfordern eine starke Kontrolle der gesendeten Information (Selbstoffenbarung).

Geruch ist ein Kommunikationsmedium, das eine langsam reagierende Umwelt braucht, Gerüche bleiben hängen. Neigt die Umwelt, da ständig wechselnd und meist fremd, nicht privat, zur Blitzreaktion, zur Überstürzung, dann kann aus ungehemmt signalisierten Eigenschaften ein Wettbewerbsnachteil entstehen. Es bliebe keine Zeit, den Düftekanon, die Gesamtbotschaft anzupassen, richtigzustellen, genauer hinzuriechen. Die Maskierung von Eigengeruch verhindert schnelle unerwünschte Umweltreaktionen. Auf der anderen Seite können Geruchssignale aber ja durchaus positive Wirkung haben („Ich kann dich riechen!“). Auf die Nutzung dieser Chance verzichten wir, da es kein sowohl als auch gibt, nur eine eher unbeholfene Ersatzhandlung, das Parfümieren mit „attraktiven“ Düften. Das hat sich im Lauf der Jahrzehnte tief in unser Haltungssystem eingegraben. Eigengeruch ist zwischenzeitlich geächtet, wird prinzipiell als Hygienemangel angekreidet und bestraft. Kunstaromen locken bemerkenswerterweise mehr über den für Eingeweihte erschnüffelten Preis als über die Chemie.

d) Gesundheitliche Folgen des Einsatzes chemischer Substanzen zur Maskierung von Eigengerüchen

Die Auswirkungen der Strategie des Beseitigens natürlicher Gerüche, wohl gemerkt sind ja nicht nur Körpergerüche unerwünscht, ebenso bekämpft wird die Ausdünstung der Wäsche, der Wohn- und Sanitärräume, des Autoinnenraums, des Haustiers, der Raumluft, etc., etc. , sind erheblich. Sie betreffen nicht nur den Anwender selbst, sondern sage und schreibe die gesamte Welt. Hier eine kurze Geschichte der Folgen der chemisch erzwungenen Geruchsneutralität:

da) für den Anwender

  1. Hauterkrankungen (von akuten über chronische Erscheinungen bis hin zum Hautkrebs)
  2. Allergien
  3. Immunschwäche
  4. Erhöhung der Infektanfälligkeit
  5. Atemwegsreizungen
  6. Schädigung der intimen Schleimhäute
  7. Schädigung des Nervensystems (Demenz) durch bekannte Verbindungen (Aluminiumsalze) und
  8. vor allem nicht als schädlich erkannte (gelegentlich wie Hormone wirksame) Chemikalien und ihre Herstellungsprozesse
db) für die Umwelt
  1. Abwasserbelastung
  2. Abfallbelastung der Landmasse und der Ozeane durch Verpackungsmüll
  3. Freisetzung von Mikropartikeln
  4. Schädigung der Fauna durch chemische Stoffe oder nicht kalkulierbare Reaktionen derselben
  5. Eingriffe in die Flora durch Duftpflanzen-Monokulturen
  6. Schädigung der Atmosphäre durch Treibgase aus Spraydosen und produktionsverursachte Emissionen

Die Dauerattacke der Kosmetik und der kosmetischen Industrie auf Mensch und Umwelt lässt neben weiteren gefährlichen menschenverursachten Einflüssen apokalyptische Szenarien befürchten. Fatal wirkt sich die dem Menschen so typische Eigendynamik aus. Wir leben ein „Je mehr je besser“ und finden kein Ende beim Erfinden neuer Übertreibungen und bei der Verteufelung derer, die nicht mitziehen. Wer zur letzten Jahrtausendwende durchaus noch als gepflegt durchging, ist heute eine Drecksau.

Wohlgemerkt: Das ist kein Plädoyer gegen Körperpflege! Die Grundmaßnahmen der Hygiene, die moderate Körperpflege, hat uns Jahrzehnte an Lebenszeit geschenkt. Aber eben die *Grundmaßnahmen*, wie ausreichende und frische Ernährung, Abwasser-Entsorgung, Frischwasser-Versorgung, Abfallbeseitigung, Saubere (nicht sterile!) Wohnumgebungen. Dagegen haben die Möglichkeiten der modernen Medizin nur sehr wenig beigesteuert. Sie wirkt häufig sogar lebensverkürzend und daher insgesamt nur erstaunlich bescheiden lebensverlängernd. Eine ausgewogene Waschkultur, die die Verletzlichkeit unserer äußeren Hülle berücksichtigt und unserem Immunsystem ausreichende Trainingsmöglichkeiten lässt, ist durchaus nicht verdammenswert. Aber das heißt nicht, dass man täglich dann eben nur ein Mal zehn Minuten heiß duscht, sondern durchaus nur alle drei bis sieben Tage lau temperiert in die Kabine steht oder in die Wanne liegt. Dazwischen sind Katzenwäschen völlig ausreichend. Auch ein deutliches Mehr an Weniger wäre noch lange nicht gesundheitsgefährdend.

6) Bewertung der Strategien

Die Frage nach dem „Gut oder Schlecht“ des gesellschaftlichen Wandels hin zur Geruchsüberdeckung, denn Geruchsneutralität kann durch Überdeckung nicht erreicht werden, kann nur unentschieden beantwortet werden.

Ja, für den ursprünglichen Zweck der biologischen Geruchsabsonderung für das soziale Leben in kleineren isolierten Gemeinschaften stellt die Enge der zeitgenössischen Gesellschaften ein Problem dar. Die Botschaft der Gerüche in einer Welt des Geruchschaos kann nur bruchstückhaft, widersprüchlich, überwältigend und nicht im Sinn einer ursprünglichen Bedeutung gelesen werden. Einen Omnibus-Sitz kann man ja schwerlich als Revier markiert betrachten. Mensch befindet sich in der Situation eines Autisten, der ohne Filtermöglichkeit in eine Welt freigesetzt wird, die ihn mit Geruchseindrücken in jeder Form, Intensität und Vielfalt überrollt. Hundert „Stimmen“ schreien gleichzeitig auf ihn ein. Aus diesem Strom ist keine geordnete Botschaft zu entnehmen. Da vereinfacht sich eine Welt ganz erheblich, in der man – zumindest bei Einhaltung der sozialen Distanz – nur nach Axe, Fa, Nivea trennen muss. Vielleicht noch billig oder teuer, und wohlriechend oder ungepflegt.

Wie bei allen Einflüssen auf menschliche Grundleistungen tritt allerdings auch hier ein ungewünschter Effekt ein. Die Abstumpfung nur noch selten verwendeter Fähigkeiten. Zwar ist das Geruchsgedächtnis ja bekanntermaßen sehr leistungsstark und intuitiv verlässlich. Aber trotzdem geht das Vertrauen in die Botschaften der Gerüche bei frühkindlich einsetzender Vorenthaltung und anschließender Reinlichkeitserziehung verloren. Wir werden zu „Geruchsanalphabeten“ erzogen. Die olfaktorischen Bibliotheken bleiben uns verschlossen, wir entwickeln eine „Geruchskurzsichtigkeit“, die uns das Bewegen im sozialen Umfeld (Partnerschaft, Familie, berufliches Umfeld, bei Kultur- und Sportveranstaltungen, im ganz normalen Alltag) erschwert und uns einer traumwandlerischen Sicherheit in der Einschätzung anderer Menschen, in der vielleicht lebensrettenden Analyse auch der unbelebten Umwelt beraubt.

Gegen eine Verhaltensanpassung im engen gesellschaftlichen Rahmen kann nicht sinnvoll argumentiert werden. Ein chaotisches Gerüchegemisch verunsichert zwangsläufig, dafür sind unsere Fähigkeiten nicht ausgelegt. Auf der anderen Seite verlieren wir durch eine intensive Gerücheverschleierung unsere Sicherheit im gesellschaftlichen Umgang. Kommunikation wird durch den Wegfall eines kompletten Kanals komplizierter und weniger verlässlich. Da bleibt eigentlich nur die Möglichkeit einem Mittelweg das Wort zu reden, einem sowohl als auch. Dazu gehört aber auch die Bereitschaft, sich und die eigene „Cloud“ der Umgebung zuzumuten und die Bereitschaft der Gesellschaft, diese „Zumutung“ anzunehmen und für den eigenen Vorteil zu nutzen („Aha, so tickt der also“).

Ich hege meine Zweifel, ob es eine freiwillige Rückkehr zur Freistinker-Gesellschaft geben wird. Die Umkehrung eines breiten gesellschaftlichen Konsens ist gewöhnlich langwierig und auch dann nur wenig Erfolg versprechend, zumal die Abneigung gegen jeden nicht synthetischen Geruch zwischenzeitlich tief verwurzelt ist. Eine gesellschaftliche Schichtung nach „Geruchsklassen“ hat sich in einem fein ausgeklügelten System etabliert, das kaum noch angreifbar scheint.

7) Ideen für eine Rückkehr zum Eigengeruch als Kommunikationsmittel

Meinem Pessimismus über eine Strategie zur Rückgewinnung körpergeruchlicher Freiheit habe ich bereits Ausdruck gegeben. Das Naserümpfen gehört einfach schon zum Zivilisationsbegriff. Schon die bloße Erkennung eines körpereigenen Geruchs wird als anstößig wahrgenommen, er gilt als „schlecht“, obwohl eine tatsächliche Einschränkung des Wohlbefindens des Belästigten nicht messbar nachzuweisen wäre. Wie bei der Freikörperkultur gibt es noch Schutzzonen, in denen man sich ungeniert offenbaren darf, aber das sind gerade noch Räume schwerer körperlicher Arbeit und Sportstätten. Überall sonst ist neutral oder mit synthetischer Verstärkung zu schwitzen (am besten aber garnicht).

Dabei kennt man aus Zeiten der Rebellion Strömungen, die es auch mal strömen lassen konnten. In den Schüler- und Studentenbewegungen der 60er und 70er Jahre galt ein markantes Aroma, das den wochenlang getragenen (meist männlichen) Klamotten entströmte, durchaus als Ansage. Man wurde in manchem Kreis gerade aufgrund dieses Sachverhalts besonders geschätzt.

In unserer Ära des Einheitsmenschen sind solche Ausbrüche eher nicht zu erwarten. Aber wer weiß, womöglich kommt es doch einmal zum Aufstand der Freidenker, die es verstehen, sich selbst einzuordnen, ihre eigenen Werte zu bilden und zu leben. Eben auch auf der Ebene freier und wertschätzender Transpiration.

D) Schluss

1) Wie wird sich die Manipulation der Geruchswelt in der Zukunft auswirken?

Viel eher wird die Zeit eine Fortsetzung und Beschleunigung der Spirale des Duftwahns bringen. Gerade weil ein Duft nicht mehr die Marke ist, die ein Körper setzt und der Umgebung mitteilt, sondern weil die käuflichen, künstlichen, aufgetragenen Odeurs es ermöglichen, das Bild, das meine Mitmenschen von mir wahrnehmen, besser zu beeinflussen, zu vernebeln. Mit einem angesagten Parfüm kann man so manche andere Unzulänglichkeit überdecken.

Wir sind auf dem besten Weg; sogar als sicher kann gelten, dass sich die Tendenz der Verwendung von Düften zur Beeinflussung nicht nur der Wahrnehmung einer Kontaktperson, sondern des gezielten Eingriffs, ja der Manipulation ihrer Haltungen und ihres Verhaltens verstärken wird und mit deutlich zunehmenden Basiskenntnissen und strategischen Konzepten einflussnehmend eingesetzt wird.

Ich gehe in ein schwieriges Gespräch, das durch emotionale Aufladung aus dem Ruder laufen könnte, nun dann lege ich den fruchtig leichten Duft tropischer Früchte, Zitronen und Orangen auf. Ich bin auf Anmachtour? Klar, ein Fall für schwache Noten von Moschus und Patschuli (bloß nicht schwitzen!). Es wird wohl auch pharmazeutisch-technische Fortschritte geben. Dufttabletten, nein, nicht für’s Klo, zum Einnehmen. Dafür braucht es neue Substanzen, die schnell „abgegast“, ausgeschieden werden. Dann rieche ich sogar zwischen den Zehen noch nach Veilchen. Die Verabreichung flüchtiger Hormone zur sicher wirksamen Manipulation dürfte heute schon kein großes Problem sein.

Aber auch für diese mögliche Entwicklung kann gelten, dass eine Duftüberfrachtung eintreten wird. Wenn auf begrenztem Raum 500 Duftmanipulatoren ihr Unwesen treiben, stellt sich die alte Verunsicherung wieder ein, die Wirkungen gehen in einer Kakosmie unter. Statt auf Babett stürze ich im Liebeswahn auf ihre Tante Berta.

2) Wie könnte sich eine Zukunft MIT Körpergeruch gestalten?

Die erste Frage, die sich stellen muss, ist: wollen wir das denn überhaupt? Wollen wir diese hemmungslose Verbreitung von mehr oder auch weniger angenehmen oder störenden Ausdünstungen? Gibt es ein Menschenrecht auf Geruchsfreiheit? Darf ich aufgrund unmaskierter Geruchszumutung sozial oder bei der Arbeitsplatzsuche benachteiligt werden? Sind Schweißfüße ein Grund für die Freistellung vom Militärdienst?

Keine Ahnung. Aber unter Garantie würden diese Fragen gestellt werden. Erfahren kann man die Reaktion der Zeitgenossen jedenfalls am besten, wenn man es mal probiert. Das heißt, z. B. – man will ja nicht gleich provozieren – erstmal die Duschhäufigkeit auf 3-4-tägig ausdehnen. Deo nur noch ein kleiner Spritzer, kein Parfüm, kein Rasierwasser. Dann langsam verschärfen und kritisch beobachten. Interessant ist der Moment, an dem die synthetische Maske nicht mehr wirkt und der natürliche Geruch noch nicht unangenehm auffällt. Gehen die Menschen anders mit mir um? Sind sie freundlicher, zurückweisender? Lächeln sie öfter oder werden sie ernster? Eine gute Gelegenheit, mehr über sich selbst herauszufinden.

Ja und schließlich kann man auch mal ins Extrem experimentieren. Nicht nur kein Parfüm, nein, auch mal die Seife weglassen, oder Kernseife verwenden. Alle 7-14 Tage duschen, höchstens jeden 3. Tag Katzenwäsche.

Wenn mich die Leute dann noch gut leiden können, habe ich alles richtig gemacht. Jedenfalls wird es mir meine Haut und mein Immunsystem danken. Endlich wieder ungeniert Stinker!

Heje PerSe ^^ Ich plane eine Umgestaltung meiner Seite.. Zu einem VielZweck MultiUse Schnick Schnack ^^ Mag sein dabei das der Blog dabei den Bach runtergeht, aber ich werde unsere Beiträge sicherheitshalber im Forum unterbringen.. Hast du da irgendwelche Einwände? Am schönsten wäre natürlich wenn du deine Themen selbst dort postest. Ach ja; der neue Name wird sein lp5502.eu ^^ und der Eingang eine Webseite zu verschiedenen Zwecken. Dahinter die Links zum Forum. Wahrscheinlich über lp5502.eu/forum mal sehn.. Viele liebe Grüsse Cris Psst; Sollen wir in Kontakt bleiben oder haste den Kaffee auf?

3 Kommentare

#1  - cris sagte :

Sakra! Das ist mal nen Text^^
Ein Applaus dafür von meiner Seite ; gut geschrieben und von allen Seiten beleuchtet..

Das ich mir zum Thema auch Gedanken mache kannst du dir bestimmt denken PerSe !?
Grad heute hatte ich ein bezeichnendes Erlebnis mit Hund: 3meiner Hund gehen mal in fremdes Gebiet, natürlich wird das Umfeld komplett untersucht, vermehrte Häufchen werden genau berochen.
Als dann ein fremder Hund losblafft, erfolgt von meinen keine Reaktion! Das ist unnormal wie nur was.
Als ich den Hund dann sehe, Weibchen mit Zitzen die sichtbar grade genutzt werden, verstehe ich. Ne Mama! Da gibts keine Probleme ausser man geht nah dran, dann gibts massig Ärger. Meine Hunde wussten das schon aus den Gerüchen, da wette ich Geld drauf. Also Ruhe und Abstand bewahren.

Jetzt muss ich noch erwähnen das ich dein RiesenWerk erst halb gelesen hab, aber ich muss halt jetzt meine Gedanken loswerden *grins* Die Nase ist unser Chemie Labor und sichert unser Überleben.
Brutale Gerüche wie auch die meisten Parfüme stufe ich als giftig und unkompatibel ein.
Aber die meisten Gerüche sind für mich nur noch Information. zB:
Kompostwerk um die Ecke-->Tw mit Treibhausgiften/Schimmel kontaminiert--->Abstand gewinnen
Kadaver im Abgrund-->Da ist was gestorben u vieleicht Futter für meine Hund-> nachschaun
BenzinGeruch am Auto--> ALARM ! sofort aus und Kontrollieren--> Schlauch undicht
Desinfektion u Insektizid--> Andre Kneipe suchen (Spanier nutzen sowas übrmässig den viel hilft viel)
Radioaktivität--> nix gemerkt oder gerochen und .........................

Als nächste müsste ich über meine minimalisierten Waschmethoden reden,
getestet und für sehr gut befunden (zu Tests stehe ich jederzeit zur verfügung)
Hier jetzt nur grundsätzlich:
Jeder Chemische Eingriff in die erste Abwehr deiner Haut erzeugt Probleme !
Seifen und ganz schlimm Desinfektion lässt deine Haut nackt zurück. Ohne Verteidigung.
Und dann schnappen sich fremde Bakterien deine Absonderungen wie Schweiss und HautTeilchen.
Das Ergebniss ist übler Geruch. Und die Anwendung von Chemos und ständigem waschen.
Ich bin davon weg, und steh wie gesagt für Proben zur verfügung.

Können wir uns wohl riechen ?

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#2  - PerSe sagte :

Tja, können wir uns riechen. So scheint's ja erstmal zu klappen. Aber wir spüren auch die Lücke, den Abstand, die betrogene Nase. Es fehlt was .... aber dass das dein Geruch war, wird jetzt erst klar.
Witzig, dass Du auch schon drüber nachgedacht hast.

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#3  - LeonieLoewenherz sagte :

Das ist eine wahnsinnig tolle Analyse...👌🏼 Ich möchte zum Thema Reinlichkeit noch die Käseschmiere erwähnen... Früher und auch jetzt bei Geburten im heimelichen Umfeld, hat man die Nabelschnur nicht sofort durchtrennt... Das Neugeborene wurde in seinem natürlichen Hautschutz, der Käseschmiere, belassen und erst am nächsten oder übernächsten Tag gewaschen...diese Kinder haben kaum Allergien im Erwachsenendasein...die frühzeitige Trennung der Nabelschnur hat meines Erachtens noch andere tiefere Gründe... Ein anderes Thema *grins*

Das Verlieren von Wahrnehmungen, nicht nur Geruch, sondern auch Schwingungen, sind meiner Meinung nach auch gewollt. Kaum jemand wünschelt noch mit einer Rute, ob der Bauplatz für das Haus oder die Stellung des Schlafplatzes richtig ist... Schwingungen wahrzunehmen ist out... An dem Spruch (Wie an den meisten alten Sprüchen) : "man liegt auf derselben Wellenlänge" ist meist was dran...man sollte sich mal eine Rute nehmen und immer wieder mal versuchen Schwingungen aufzunehmen... Das ist keine "aussergewöhnliche" Fähigkeit, sondern eine Fähigkeit, die uns abhanden gekommen ist...jeder kann es, davon bin ich überzeugt...die Rute ist nur ein Hilfsmittel... Eigentlich kann man sie irgendwann auch weglassen...die Aura eines anderen Menschen ist sehr schön zu "erfühlen"...
Und zu dem Thema, dass alles gleich riechen muss, fällt mir diese Schitt Werbung von "Febreze" ein *krümeliglach*... Einfach Wahnsinn wer da mitmacht
Liebe Grüsse

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